Eine Sache, die mir schon lange immer wieder unangenehm auffällt, ist die völlig falsche Verwendung von Fachbegriffen im Bezug auf das „World Wide Web“ (auch „WWW“ oder oft, wie in diesem Artikel, „Web“ genannt), und das selbst von ausgebildeten oder selbsternannten „Profis“, die sich beruflich mit dem Web befassen und damit ihr Geld verdienen.

In diesem Artikel möchte ich daher zum einen einmal einige dieser Begriffe und ihre richtige Verwendung klären. Das wurde schon oft gemacht und ist an sich nichts Neues, ist aber notwendige Grundlage für einen anderen Punkt, den ich diskutieren möchte.

Dieser Punkt hat etwas mit Professionalität zu tun. Ich möchte die Frage aufwerfen, warum Menschen, die sich beruflich mit dem Web beschäftigen, offensichtlich oft keine Veranlassung sehen, Fachbegriffe korrekt zu verwenden, und das auch fast immer kritiklos durchgeht, ja, warum Kritikern sogar Prinzipienreiterei vorgeworfen wird, wenn sie die richtige Verwendung von Begriffen anmahnen und die falsche als unprofessionell bezeichnen. In keinem anderen technischen Beruf würde man das einem „Profi“ durchgehen lassen. Warum ist das beim Web anders?

Die Sache mit den Fachbegriffen

Es kommt beispielsweise immer wieder vor, dass in der Presse oder andernorts von „Homepage“ geredet wird, wenn eine komplette Web-Präsenz gemeint ist. Da heißt es dann „Besuchen Sie die Homepage der Firma xyz“. Selbst bei Webdesignern, die beruflich damit zu tun haben – professionell möchte ich das in diesem Fall nicht nennen – lese ich oft genug davon, dass sie „Homepages“ erstellen. Das ist jedoch falsch. Unter einer „Homepage“ versteht man ausschließlich die Startseite einer Web-Präsenz.

Auch die Verwendung des Begriffs „Webseite“ für eine komplette Web-Präsenz – oder umgekehrt „Website“ für eine einzelne Webseite – ist nicht richtig. Eine „Webseite“ ist lediglich eine beliebige Einzelseite einer Web-Präsenz. Der korrekte Begriff für eine komplette Web-Präsenz ist der englische Begriff „Website“, der wegen des ähnlichen Klangs von „Seite“ und „site“ oft fälschlicherweise mit „Webseite“ übersetzt wird, obwohl das englische Wort „site“ so viel wie „Ort“ bedeutet. Der englische Begriff für eine einzelne Webseite ist „webpage“ (auch „web page“). Aber selbst „Profis“ werfen diese beiden Begriffe wild durcheinander.

Nur am Rande sei angemerkt, dass einige ganz strenge Experten sogar auf dem Standpunkt stehen, dass es keine Webseiten gäbe, sondern nur HTML-Dokumente beziehungsweise Hypertexte, weil diese nicht mit klassischen Seiten, etwa eines Buches, vergleichbar seien. Technisch ist das für die HTML-Dokumente selbst auch korrekt, aber als Analogie ist die Bezeichnung der Ausgabe eines einzelnen HTML-Dokuments als Seite meines Erachtens auch fachlich legitim. Diese sehr spezielle Kritik halte ich für eine rein akademische Diskussion, die aber gelegentlich in Fachkreisen, etwa in der Newsgroup de.comm.infosystems.webauthoring.misc, geführt wird.

Gleich ganz falsch ist dagegen der auch immer wieder auftauchende Begriff „Internetseite“. Das Internet ist nicht das Web. Das Internet ist die technische Infrastruktur, die als Grundlage für Dienste wie das Web dient. Das Internet hat keine „Seiten“. Der Begriff „Internetseite“ ist daher in jedem Fall gänzlich falsch.

Last but not least liest man auch von sogenannten „Fachleuten“ immer wieder vom „Internet“, wenn sie eigentlich das Web meinen. Auch diese Gleichsetzung ist natürlich nicht richtig. Das Internet ist – wie bereits erwähnt – die technische Infrastruktur, auf deren Grundlage das Web als Dienst läuft. Grob gesagt ist das Internet nichts anderes als ein dezentrales Netz von Computern, die miteinander verbunden sind und untereinander Daten austauschen. Über diesen Datenaustausch werden verschiedene Dienste auf Grundlage des Internet realisiert. Mehr muss man eigentlich gar nicht wissen, um das Internet vom Web unterscheiden zu können. Die technischen Details, wie dieser Datenaustausch auf der Ebene des Internet vonstatten geht, muss man nicht kennen, um den Unterschied zu verstehen. Natürlich spielt dieser Datenaustausch auch für das Web eine zentrale Rolle. Das Web aber ist nur ein Dienst des Internet, der auf diesem Datenaustausch beruht. Andere bekannte Dienste sind SMTP (Mail), FTP (Dateiübertragung) und IRC (Chat). Wer also vom Internet redet, wenn er eigentlich das Web meint, verwechselt schlicht die unterschiedlichen technischen Ebenen des Internet und seiner Dienste.

Die Sache mit der Professionalität

Leider wird aber die falsche Verwendung dieser Begriffe auch von sogenannten „Profis“ oft als Nebensächlichkeit abgetan und stattdessen so getan, als ob im Web Begriffe beliebig nach Gusto verwendet werden könnten. Wer das kritisiert und die richtige Verwendung von Begriffen anmahnt, dem wird vorgeworfen, es ginge ihm nur ums Prinzip. Da heißt es dann etwa, dass es keine Vorschrift gäbe, die die Verwendung des Begriffs „Internetseite“ für eine Webseite oder Website untersage. Aber ist es wirklich so, dass die Mahnung, richtige Begriffe zu verwenden, nicht mehr ist als Prinzipienreiterei und im Web auch im professionellen Kontext Begriffe beliebig verwendet werden können? Ich meine nein.

Es ist zwar richtig, dass es keine Vorschrift gibt, die „Profis“ eine beliebige Begriffsverwendung verbietet. Aber das ist völlig irrelevant. Denn die Verwendung richtiger Fachbegriffe eines Fachgebiets ist nur in wenigen Fällen eine rechtliche Frage, aber immer eine Frage der Kompetenz und Professionalität. Und da stellt das Web meiner Ansicht nach keine Ausnahme dar. Wer professionell sein und sich Profi nennen will, muss die Grundlagen seines Fachgebiets beherrschen.

Und trotzdem wird das beim Web nicht beherzigt. Ich kenne keinen anderen technischen Bereich und auch keinen sonstigen Beruf, in dem so wenig auf die richtige Verwendung von Fachbegriffen Wert gelegt wird, wie bei Berufen, die mit dem Web zu tun haben. In allen anderen Berufen wird selbstverständlich erwartet, dass diejenigen, die sich beruflich damit auseinandersetzen, Fachbegriffe richtig verwenden. Ein Fahrzeugmechaniker, der einen Dieselmotor nicht von einem Wankelmotor unterscheiden kann, macht sich vermutlich bei Kollegen ebenso lächerlich wie ein Banker, der ständig Aktiva und Passiva verwechselt.

Warum also wird jemand, der auf welche Art auch immer – sei es nun als Social-Media-Manager oder als Webprogrammierer – mit dem Web arbeitet und Homepage, Website und Webseite nicht unterscheiden kann und von Internetseiten redet, dagegen sogar von Kollegen beispielsweise damit entschuldigt, dass doch jeder weiß, was damit gemeint ist? Das mag ja sein. Und Laien werden diese Begriffsverwirrungen ja auch nicht angelastet. Aber Menschen, die mit dem Web arbeiten, sind eben keine Laien – zumindest theoretisch. Sie sollten nicht nur wissen, was sie tun, sondern sie sollten auch wissen, wovon sie reden. Leider ist das offensichtlich oft genug nicht der Fall.

Der Grund dafür könnte in der Tatsache liegen, dass ein Großteil der Menschen, die beruflich mit dem Web arbeiten, keine Ausbildung in diesem Bereich gemacht haben, sondern Quereinsteiger sind. Das heißt natürlich nicht, dass es keine Quereinsteiger geben kann, die wissen, wovon sie reden. Insbesondere diejenigen Quereinsteiger, die sich schon sehr früh, also in den neunziger Jahren oder frühen Zweitausendern, mit dem Web beschäftigt und sich Wissen angeeignet haben, ohne eine Berufsausbildung in diesem Bereich zu haben, die es damals schlicht noch nicht gab, wissen, wovon sie reden. Das sind meistens die Early Adopter, die oben genannte Fachdiskussionen über ganz spezielle begriffliche Fragen führen.

Anders sieht es oft – aber wohlgemerkt auch nicht immer – bei den nachfolgenden Generationen der Quereinsteiger aus, die nach der Entstehung der ersten Social Networks ihren Beruf im Web gefunden haben. Hier fehlt eine Beschäftigung mit den technischen Grundlagen des Web nicht selten gänzlich. Das führt zu dem beklagten Zustand, dass grundlegende oder gar falsche Begriffe beliebig verwendet werden. In diesem Fall sollte man dann aber konsequenterweise nicht mehr von „Profis“ reden, sondern allenfalls von semiprofessionellen Laien, die vielleicht halb verstanden haben, was sie tun und womit sie hantieren, und damit dennoch ihr Geld verdienen können, weil es Kunden nicht auffällt. Ein wirklich tieferes Verständnis der Technologie, mit der sie zu tun haben, besteht bei diesen Quereinsteigern im Gegensatz zu den Early Adoptern jedoch oft nicht. Das merkt man dann leider auch immer wieder an Blogartikeln, die sie veröffentlichen. Die Qualität dieser Artikel lässt häufig zu wünschen übrig. Und auch der Ruf von Menschen, die sich beruflich mit dem Web befassen, ist aufgrund dieser Aspekte bei anderen, die beruflich mit Internettechnologien zu tun haben, außerordentlich schlecht. Sie werden oft als unprofessionell wahrgenommen. Nach dieser Analyse durchaus nicht zu Unrecht.

Aber das könnte man ändern – wenn man wollte. Denn so schwer ist die nähere Auseinandersetzung mit den technischen Grundlagen dessen, womit man täglich arbeitet, nicht. Es wäre daher wünschenswert, wenn zumindest alle, die im beruflichen oder sonstigen „professionellen“ Kontext über das Web reden, schreiben, bloggen oder sich auf eine andere Art öffentlich dazu äußern, sich wenigstens diese grundlegenden Fachbegriffe richtig aneignen und sie endlich richtig verwenden würden. Sie würden damit der Wahrnehmung ihrer Professionalität durch andere und der wahrgenommenen Professionalität ihrer Branche einen großen Dienst erweisen.

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6 Antworten zu “Die Sache mit den Fachbegriffen und der Professionalität im Web”

  1. Atari-Frosch sagt:

    Ohja. „Der Kunde sagt das auch so“, ist eine der häufigeren Begründungen. Ob das ein Automechaniker auch durchgehen lassen würde? Oder ein Klempner?

    Wenn es darum geht, „das Internet“ (hier auch wirklich so gemeint ;-)) zu erklären, verwende ich oft zunächst unscharfe Vergleiche, um erst einmal ein Grundverständnis aufzubauen. Daß diese Vergleiche ungenau sind und daher nicht wörtlich zu nehmen sind, sage ich aber immer mit dazu. Aber auch dann schon setze ich die richtigen Begriffe ein, um eine falsche Verwendung gar nicht erst einreißen zu lassen.

    Ein alter Ingenieur, den ich den frühen 90ern in Mannheim kannte, polterte immer los, wenn jemand falsche Begriffe verwendete: „Wenn wir nicht klar definieren, worüber wir reden, reden wir aneinander vorbei!“ Das gilt natürlich in jedem Fachgebiet.

  2. Ute sagt:

    Sicherlich liegst du mit deiner Einschätzung richtig, dass nicht alle Profis sind, die das von sich behaupten. Ich denke auch, dass es in diesem Umfeld einen höheren Anteil angeblicher Profis gibt, als in anderen Berufen.

    Ich vermute als weiteren Grund jedoch das mangelnde Fachwissen der Kunden. Wenn ich eine Unternehmensseite erstelle, in der ich Angebote rund ums Web anbiete, dann möchte ich auch von potenziellen Kunden gefunden werden, die nach „Homepage und Internetseite“ suchen. Nutze ich selbst auf meiner Website ausschließlich die korrekten Begriffe, so kommen ich bei den Suchergebnissen gar nicht erst vor.

    Ja, ursprünglich hätten die korrekten Begriffe konsequent genutzt, genau das verhindert. Mittlerweile fürchte ich, lässt es sich kaum noch rückgängig machen.

    • Alex sagt:

      Man kann ja die Begriffe durchaus verwenden, ohne sie falsch zu verwenden. Beispiel: Du richtest ein Glossar ein, bei dem du die Begriffe erläuterst. Den Eintrag „Internetseite“ gibt es auch mit dem Hinweis: „Gibt es nicht. Ist falsch, weil …“. Im Glossar kannst du dann auch auf deine Angebote verlinken. Du schlägst damit drei Fliegen mit einer Klappe: Der Kunde findet dich, lernt was und kommt zu deinen Angeboten. Alles gar kein Problem. 😉

  3. Ute sagt:

    Ja, kann man, und mit deinem Artikel als Denkanstoss, könnte es den ein oder anderen geben, der es so umsetzt. 🙂

  4. Sherlock sagt:

    Grundsätzlich gebe ich dir Recht. Auch ich bin kleinlich und erwarte eigentlich, dass Profis die Fachbegriffe richtig verwenden. Eigentlich. Aber wenn Profis mit Laien sprechen werden sie oft besser verstanden, wenn sie sich dem Laien anpassen und die Begriffe dann manchmal falsch verwenden.

    Die meisten Menschen sagen „Tempo“, sind aber mit jedem anderen Papiertaschentuch genauso zufrieden. Auf die Homepage „www.rtl-now.de“ kommt man auch, wenn man „www.rtl-nau.de“ eintippt. Man spricht bei Geschwindigkeiten von Stundenkilometer, obwohl es Kilometer pro Stunde heißen muss.

    Nimm die Menschen wie sie sind, andere gibt es nicht.

    Ich versuche nicht mehr meine Umwelt an mich anzupassen. Das gelingt mir nicht. Also passe ich mich meiner Umwelt an.

    • Alex sagt:

      „Aber wenn Profis mit Laien sprechen werden sie oft besser verstanden, wenn sie sich dem Laien anpassen und die Begriffe dann manchmal falsch verwenden.“

      Das halte ich für gefährlichen Unsinn. Dein Beispiel von rtl-nau.de zeigt, warum. Es trägt zur Verdummung bei. Man sollte die Begriffe richtig einführen und sie dem Kunden erklären, anstatt Verdummung zu betreiben.

      Ganz generell: Wenn sich alle an die Umwelt anpassen, dann gehen wir einer ganz bitteren dunklen Zukunft entgegen, weil sich dann die durchsetzen, die die Umwelt verdummen. Jenseits der Technik führt das zu Ausbeutung, Unmündigkeit und zu Dingen wie Rassismus, Fremdenhass usw. Das ist der falsche Weg.

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