Warum ich das „Web 2.0“ kritisch sehe

erstellt am: 21.06.2015 von Alex | Kategorie(n): Geschichte des Web | Schlagwörter: , , , , , , , , , , ,

Dieser Artikel erschien ursprünglich am 2. November 2008 in meinem allerersten Blog auf wordpress.com.

Seit ich auf Twitter bin, fällt mir verstärkt auf, dass viele Leute dort ziemlich unreflektiert die „Segnungen“ des sogenannten „Web 2.0“ feiern. Ich kann mich dieser Zelebrierung nicht anschließen. Für mich ist das „Web 2.0“ nichts als ein ziemlich inhaltsleerer „Plastikbegriff“.
Unter einem „Plastikbegriff“ verstehe ich einen Begriff, dem es an der notwendigen Definitionsschärfe fehlt und der beliebig biegbar ist. Genau so ein Begriff ist das „Web 2.0“. Man findet keine einheitliche Definition dafür. Die einen definieren es über technische Neuerungen, die anderen stützen sich bei ihrer Definition darauf, dass es sich angeblich um ein neues soziales Phänomen im Internet handeln soll. Als Beispiel für eine Definition, die beides umfaßt, möchte ich das Glossar von “Xing” zitieren:

„Web 2.0 ist ein Oberbegriff für neue interaktive Techniken und Dienste im Internet, die die geänderte Wahrnehmung des Internets sowie die Fokussierung auf interaktive Online-Communities berücksichtigen.“

(Quelle: http://corporate.xing.com/deutsch/investor-relations/basisinformationen/glossar/)

Diese Definition ist zwar umfassender als die anderen, aber leider auch richtig und falsch zugleich. Richtig ist zwar, dass das „Web 2.0“ sowohl durch seine technischen wie auch durch seine sozialen Eigenschaften wie interaktive Online-Communities geprägt wurde. Falsch ist jedoch, dass das „Web 2.0“, wie auch die Versionsnummer im Namen suggerieren möchte, etwas Neues darstellt. Weder aus technischer noch aus sozialer Sicht ist das „Web 2.0“ eine grundlegende Neuerung, sondern lediglich eine konsequente Fortentwicklung des World Wide Web und des Internet.

Aber schauen wir uns die angeblichen technischen „Neuerungen“ doch mal genauer an. Unumstritten dürfte sein, dass die grundlegende Basis des „Web 2.0“ AJAX ist. AJAX heißt ausgeschrieben „Asynchronous JavaScript And XML“ und ist ein Konglomerat aus verschiedenen Technologien, primär JavaScript und XML. In der Praxis kommen natürlich auch HTML, CSS und gelegentlich auch PHP oder andere serverseitige Scriptsprachen bei der Entwicklung von AJAX-Anwendungen zum Einsatz.
Manch einer wird jetzt schon mit der Stirn runzeln und sich fragen: „Was bitteschön ist daran neu?“. Und dieses Stirnrunzeln wäre durchaus berechtigt. Denn wenn wir uns anschauen, wann diese Technologien entstanden sind, erkennen wir, dass sie alle aus dem alten Jahrtausend stammen. JavaScript existiert seit 1995, XML wurde 1998 entwickelt, das für AJAX notwendige JavaScript-DOM entstand 1999/2000, wobei es bereits zuvor eine von Microsoft entwickelte ähnliche Technologie namens XmlHttpRequest gab. Hilfstechnologien wie HTML, CSS oder PHP entstanden ebenfalls durchgängig bereits in den neunziger Jahren des alten Jahrtausends. Gleiches gilt für Elemente wie Flash oder RSS, die im „Web 2.0“ eine große Rolle spielen. Fakt ist daher entgegen anderer Behauptungen, dass das „Web 2.0“ technologisch absolut nichts Neues zu bieten hat! Natürlich mag man an diesem Punkt einwenden, dass sich diese Technologien erst weiterentwickeln mussten, um „Web 2.0“-Anwendungen zu erlauben, und dass erst einmal jemand auf die Idee kommen musste, diese Technologien zu verbinden. Beides ist richtig. So war es 1999, als das JavaScript-DOM, entstand, technisch noch sehr schwierig bis unmöglich, Webanwendungen zu schaffen, die Desktop-Charakter hatten. Mit den weiterentwickelten Technologien ist das heute kein Problem mehr. Dies ändert aber auch nichts daran, dass die Technologien an sich uralt sind.

Und was ist mit der zweiten Definition? Stellt das „Web 2.0“ nicht doch eine neue soziale Entwicklung im Web und im Internet dar? Kam es durch das „Web 2.0“ zu einer „geänderten Wahrnehmung“ des Internet? Ich meine nein. Elemente wie Interaktivität, starke Vernetzungen untereinander und „User-generated Content“, die laut dieser und anderer Definitionen angeblich das Neue beim “Web 2.0″ ausmachen, gab es im Internet schon lange vorher.

Außerhalb des erst 1993 entstandenen World Wide Web gab es eine Vernetzung von Usern mit vielen Elementen, die heute dem „Web 2.0“ zugeschrieben werden, schon wesentlich früher, nämlich im Internet Relay Chat, kurz IRC, das seit 1988 existiert. Hier fand von Anfang an eine starke soziale Vernetzung statt, die in vielen Fällen dazu führt, dass man sich auch außerhalb des Netzes umeinander kümmert. Das IRC hat Freundschaften und sogar Ehen hervorgebracht. Fast jeder IRC-Channel veranstaltet regelmäßige Channeltreffen. Formen der Kollaboration findet man vor allem in Selbsthilfe- und Supportchanneln zu verschiedensten Themen. „User-generated Content“ entsteht beispielsweise in Rollenspiel-Channeln oder auch in Channeln, die moderierte Themenchats anbieten und diese aufzeichnen. Von vielen bedeutenden Ereignissen wie dem Sturz Gorbatschows oder dem Anschlag auf das World Trade Center existieren bis heute IRC-Logs. Ich selbst habe die Ereignisse am 11. 9. 2001 nicht im Web, sondern vor allem im IRC verfolgt und dabei viele Dinge früher erfahren als manche Nachrichtenagentur. Das IRC wurde darüber hinaus auch schon als Tauschbörse verwendet. Lange bevor P2P-Netze entstanden sind, die immer als eines der Paradebeispiele für das „Web 2.0“ benannt werden, wurden im IRC ähnlich wie im noch älteren Usenet Dateien zwischen den Usern ausgetauscht. Dies wurde und wird vor allem durch sogenannte DCC-Verbindungen (Direct Client to Client) ermöglicht, bei denen die Daten nicht über den zwischengeschalteten IRC-Server verschickt werden müssen.

Auf besonders eindrucksvolle Weise aber kann man soziale Gefüge, die im Netz lange vor dem „Web 2.0“ entstanden sind, in einem anderen noch wesentlich älteren Medium beobachten. Damit meine ich textbasierte Online-Rollenspiele, sogenannte MUDs. Die ersten MUDs waren bereits 1985 online. Das bekannteste deutsche MUD ist sicherlich „Unitopia“, das seit 1993 existiert. Dort habe ich viele Dinge erlebt, die mich im Sinne eines sozialen Gefüges mehr beeindruckt haben als alles, was mir bisher in sogenannten „Social Networks“ des „Web 2.0“ begegnet ist. Als beispielsweise im Jahr 2000 eine Spielerin plötzlich starb, fuhren nicht nur etliche Spieler zu ihrer Beerdigung. Im Spiel wurde auch ein virtuelles Grab für diese Spielerin angelegt, zu dem sich in der Zwischenzeit noch einige andere Gräber ebenfalls verstorbener Spieler gesellt haben. Diese Gräber werden von Spielern liebevoll gepflegt, indem sie regelmäßig mit Grableuchten, Blumen oder anderen Gegenständen geschmückt werden. Diese individuelle Gestaltung einer virtuellen Umgebung ist in meinen Augen ebenfalls „User-generated content“. Eine solche soziale Verbundenheit in „Unitopia“ sucht im „Web 2.0“ ihresgleichen. Kollaborative Elemente schließlich stellen sogar eine Kernfunktion von MUDs dar, da Spieler im Spiel kollaborieren müssen, um Aufgaben lösen zu können.

Nun mag man natürlich einwenden, dass diesen Beispielen die Multimedialität des Web oder des „Web 2.0“ fehlt. Dies ist nur teilweise richtig, denn für IRC gab es zumindest Voice-Implementationen, die sich jedoch nicht durchgesetzt haben, da viele User die textbasierte Kommunikation bevorzugten. Darüber hinaus konnten wie beschrieben auch Multimedia-Dateien ausgetauscht werden. Natürlich handelt es sich bei diesen Beispielen auch nicht um webbasierte Anwendungen. Aber sowohl das IRC wie auch „Unitopia“ waren schon sehr früh auch über Webseiten erreichbar.

Aber auch direkt im Web gab es schon lange vor der Prägung des Begriffs „Web 2.0“ Dienste, die zumindest Elemente dessen enthielten, was heute das „Web 2.0“ ausmacht. Web-Foren wie das Heise-Forum existieren beispielsweise seit Mitte der neunziger Jahre. Wikipedia als Paradebeispiel des kollaborativen Zusammenarbeitens im Web gibt es seit dem Jahr 2000, erste Ideen dazu entstanden gar schon im Jahr 1993 im Usenet. Ich persönlich wurde während des Studiums schon Mitte der neunziger Jahre mit ersten Formen des kollaborativen Lernens und Zusammenarbeitens über das Web konfrontiert und bin im Jahr 2000 der ersten „Community“ beigetreten, die sich in sozialer Hinsicht nicht viel von heutigen „Social Communities“ unterschied. All diese Kommunikation- und Interaktionsformen boten schon lange vor dem „Web 2.0“ ein Hohes Maß an Interaktivität und Vernetztheit sowie Möglichkeiten zur Kollaboration und zur Erstellung von „User-generated Content“.

Für mich hat sich daher die Wahrnehmung des Web und des Internet seit 1994, als ich meine ersten Schritte im Internet ging, nicht wesentlich verändert. Ohne Frage ist es richtig, dass sich die Dinge mittlerweile in gewisser Weise fortentwickelt haben. Wie oben bereits angedeutet, sind desktopartige Webanwendungen erst möglich, seit sich die notwendigen Technologien verbesssert haben. Auch die höheren Bandbreiten und Flatrates ermöglichen eine Nutzung des Internet, die vorher nicht unmöglich, aber deutlich schwieriger war. Meiner Ansicht nach ist dadurch jedoch nichts Neues entstanden, was die Versionsnummer „Web 2.0“ rechtfertigen würde. Angesichts dessen und angesichts der Tatsache, dass das „Web 2.0“ auch Probleme wie beispielweise mangelnde Sicherheitskonzepte, mangelnde Barrierefreiheit oder mangelnde Suchmaschinentauglichkeit aufwirft, deren ausführliche Behandlung aber eines eigenen Artikels bedürfte, stelle ich mir immer wieder die Frage, ob es nicht an der Zeit wäre, die “Segnungen” des „Web 2.0“ ein wenig weniger zu feiern und dafür ein bisschen mehr zu hinterfragen. Das Internet bietet uns vieles von dem, was das „Web 2.0“ angeblich an Neuem gebracht haben soll, schon sehr lange und zudem noch auf eine Art und Weise, die ich wesentlich spannender finde als so manches, was mir das „Web 2.0“ bieten kann.

Update vom 21. 6. 2015: Seit der ersten Veröffentlichung dieses Artikels vor über sieben Jahren ist die Zeit natürlich weitergegangen. Probleme des „Web 2.0“ wie mangelnde Barrierefreiheit oder mangelnde Suchmaschinentauglichkeit konnten durch technologische Weiterentwicklungen zwar nicht vollständig gelöst, aber doch erheblich minimiert werden. Nichtsdestotrotz sind viele sogenannte „Web 2.0“-Webanwendungen für manche Menschen mit Behinderungen nach wie vor schwer zugänglich. Das größte Problem, das sich in den letzten Jahren meiner Meinung nach sogar noch massiv verschärft hat, ist die oft mangelnde Sicherheit von Webanwendungen. Hier schlagen vor allem mangelnde Kompetenz der Betreiber und daraus folgend ein fahrlässiges Updateverhalten zu Buche.

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