t3n diskutiert heute ein interessantes Thema, nämlich die „Sehnsucht nach dem alten Web“. Der Autor meint damit die Sehnsucht nach der „Periode, in der sich plötzliche, totale Freiheit mit der Abwesenheit von formellen Strukturen und traditionellen Hierarchien paarte.“.

Interessanterweise bezieht er sich dabei auf die Hochzeit der Blogosphäre um das Jahr 2007 herum. Diese sehr späte zeitliche Einordnung fällt zunächst auf. 2007 waren bereits die Anfänge des „Web 2.0“ deutlich erkennbar. Die ersten sozialen Netzwerke waren gerade in der Entstehung. Die Kommerzialisierung des Web war längst in vollem Gange. Googles Suchalgorithmus beherrschte schon damals längst alles. Von einer „Periode, in der sich plötzliche, totale Freiheit mit der Abwesenheit von formellen Strukturen und traditionellen Hierarchien paarte“, war nun wahrlich nichts mehr zu spüren.

In meiner Erinnerung gab es diese Periode zwar auch, allerdings gut zehn bis zwölf Jahre früher, also Mitte der neunziger Jahre. In dieser Zeit war das Web zwar nicht wirklich frei von formellen Strukturen – denn auf formellen Strukturen, den Hypertexten und ihren Verlinkungen, beruht das Web – aber sehr wohl von den traditionellen Hierarchien, die wir heute kennen. Vor allem Suchmaschinenoptimierung und Suchmaschinenplatzierungen interessierten noch kaum jemanden, weil die ersten Suchmaschinen grade erst in den Kinderschuhen steckten. Webgiganten wie Facebook, Google und Twitter gab es noch nicht. Es gab zwar Websites einiger größerer, vor allem wissenschaftlicher Organisationen, die aber keine größere Bedeutung als andere Websites hatten.

Man mag nun einwenden, dass damals die Zeit des sogenannten „Web 2.0“, des „Mitmachweb“, noch nicht angebrochen war. Ich halte diese Aussage für problematisch. Denn das Web war von Anfang ein Mitmachweb. Es war schon immer so konzipiert, dass jeder Inhalte erstellen konnte. Zwar waren die Möglichkeiten für die Allgemeinheit noch eingeschränkt, aber wer etwa an Universitäten einen Internetzugang hatte, konnte auch eigene Inhalte ins Web stellen.

Bezüglich der „Sehnsucht nach dem alten Web“ äußert sich der Autor nun sehr skeptisch, wenn er sagt „Es gilt anzuerkennen, dass das Web nie wieder die Formen von einst annehmen wird.“

Das ist mir zu fatalistisch. Das Web hat doch nach wie vor die Formen wie damals. Wir müssen sie nur nutzen. Keiner zwingt uns, Snapchat, Facebook und co. zu nutzen, keiner zwingt uns, Candy Crush zu spielen, die der Autor als große Anziehungspunkte des heutigen Web nennt. Das sind sie zweifelsohne auch. Aber jeder von uns hat die Wahl, ob er sich weiter Zeit verschwendend in sogenannten riesigen „sozialen Netzwerken“ rumtreiben und dort sinnfreien Smalltalk betreiben will – oder ob er sein Web zurückerobern und eigene Inhalte in den eigenen digitalen vier Wänden produzieren will. Auch in Blogs gibt es Möglichkeiten, sich zu vernetzen. Reichweite, die sicherlich heutzutage durch Algorithmen eingeschränkt wird, wie der Autor konstatiert, wird, zumindest wenn man damit kein Geld verdienen will, überschätzt.

Im Artikel heißt es weiter „Wer agil bleibt, pragmatisch denkt und nach vorne schaut, kann die Chancen ergreifen, die sich ergeben. Wer stattdessen gedanklich immer nur im Gestern lebt, wird es zwangsläufig schwer haben, die Zukunft mitzugestalten.“

Da frage ich mich: Welche Zukunft? Meine Zukunft im Web gestalte ich in meinem Teil des Webs. Er mag klein sein und nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen wie die Großen. Aber ich kann ihn aktiv so gestalten, wie ich das möchte. Und ich kann darin tun und lassen und sagen und verschweigen, was ich will. Diese Chancen hatte ich schon immer in meinem Web und werde sie auch weiterhin haben. Heutzutage haben im Vergleich zu 1995 sogar noch wesentlich mehr Menschen diese Chance, weil das Internet im Gegensatz zu vor zwanzig Jahren zum Alltag der meisten Menschen gehört. Ich finde es sogar geradezu absurd, dass so wenige Menschen diese Chance nutzen.

Kurz: Die Entwicklung, die der Autor sieht, ist nicht fest vorgegeben. Es liegt an uns, den Menschen, die das Web gestalten, was daraus wird. Und wir sollten immer dran denken: Alle großen Webgiganten wären ohne uns nur öde Wüsten. Vielleicht wäre das mal einen Versuch wert?

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