Social Media – Selfish Media

erstellt am: 15.06.2015 von Alex | Kategorie(n): Dienste | Schlagwörter: , , , , , , ,

Dieser Artikel erschien ursprünglich am 2. 2. 2013 in meinem privaten Blog.

Dienste wie Facebook, Google+ oder Twitter werden zusammengefasst auch als soziale Netzwerke oder Social Media bezeichnet. Diese Begriffe suggerieren, dass dort eine Art von Gemeinschaft entsteht, innerhalb derer man sich austauscht, Inhalte miteinander teilt sich umeinander kümmert und miteinander kommuniziert, es also wirklich sozial im Sinne von gemeinschaftlich zugeht. Aber ist das wirklich so?

Auf den ersten Blick ja. Nehmen wir zum Beispiel Facebook. Beiträge von Usern werden munter mit „Gefällt mir“ versehen, kommentiert und geteilt. Es findet also scheinbar zumindest eine Art von Interaktion statt.

Aber auf den zweiten Blick sieht es meiner Meinung nach anders aus. Denn in keinem der modernen sozialen Medien wie Facebook oder Twitter entsteht wirklich eine Gemeinschaft oder gar Gemeinschaften, die all die Eigenschaften haben, die Howard Rheingold schon 1993 in seinem Buch „Virtuelle Gemeinschaft“ ausgemacht hat. Er schreibt:

„Eine virtuelle Gemeinschaft ist eine Gruppe von Menschen, die miteinander kommunizieren, in gewissem Maß Wissen und Information teilen und sich bis zu einer gewissen Grenze als menschliche Wesen umeinander kümmern, sich treffen und in erster Linie über Computernetzwerke miteinander kommunizieren.“.

„Aber genau das passiert doch auf Facebook!“, werdet ihr jetzt sagen. Wirklich? Meiner Ansicht nach passiert das dort nur sehr rudimentär.

Ja, auf Facebook wird ohne Frage Wissen und Information geteilt. Grundsätzlich bin ich aber der Meinung, dass es nicht reicht, dass nur dieses eine der von Rheingold genannten Kriterien erfüllt ist, um von einer virtuellen Gemeinschaft zu sprechen. Es sollten schon alle oder zumindest die Mehrheit der Kriterien erfüllt sein.

Wie sieht es nun mit dem „als menschliche Wesen umeinander kümmern“ aus? In dem Punkt ist die Sache für mich eindeutig. Ich finde, dass weder „Gefällt mir“-Klicks, noch das Teilen von Beiträgen etwas mit „als menschliche Wesen umeinander kümmern“ zu tun hat. Einen „Gefällt mir“-Klick könnte man allenfalls noch als Ansatz einer Kommunikation sehen, der aber nicht mit einer verbalen Kommunikation zu vergleichen ist. Und auch Kommentare beziehen sich in der Regel nicht auf den Menschen selbst, sondern auf dessen Beitrag. Ich würde sogar behaupten, dass das „menschliche Wesen“ hinter dem, dessen Beiträge da geliket, geteilt oder kommentiert werden, in der Mehrzahl der Fälle keine oder allenfalls eine untergeordnete Rolle spielt.

Und wie steht es um die Kommunikation in Social Media? Auch nicht so rosig, wie ich meine. Zwar werden Beiträge kommentiert. Aber das geschieht längst nicht so häufig, wie man denken könnte, wie diese Untersuchung zeigt. Zudem habe ich den Eindruck, dass es auch vielen Kommentatoren nur um Selbstdarstellung geht und nicht um Kommunikation. Kommentarthreads wirken oft eher wie eine Aneinanderreihung von Meinungsäußerungen und nicht wie eine fortlaufende Kommunikation zwischen verschiedenen Leuten.

Alles in allem denke ich also, dass bei modernen Social Media wie Facebook die eigenen Inhalte und die eigene Selbstdarstellung – vor allem im eigenen Profil – im Vordergrund stehen. Man hält sich dort auf, um sich und seine Inhalte zu präsentieren, und hofft auf Reaktionen. Aber das macht auch nach der Definition von Rheingold keine virtuelle Gemeinschaft aus, hat also nichts Soziales. Aus diesem Grund würde ich bei Facebook, Twitter, Google+ und anderen „sozialen Netzwerken“, bei denen es um das Teilen eigener Inhalte geht, vielmehr von „Selfish Media“ denn von „Social Media“ sprechen wollen. Das primäre Ziel ist oftmals eigennützige Selbstdarstellung, nicht die Teilnahme an einer Gemeinschaft.

In anderen Diensten wie im Internet Relay Chat (IRC), einem der ältesten Chatsysteme überhaupt, oder in sogenannten Multi User Dungeons (MUD), also Online-Textrollenspielen, sieht es dagegen anders aus. Hier geht es nicht um eigene Inhalte, sondern um die Teilnahme am Gespräch oder Spiel in der Gemeinschaft. Man betritt einen IRC-Channel oder ein MUD, um Leute kennenzulernen und sich mit ihnen zu unterhalten oder mit ihnen zu spielen. Und aus den Menschen, die einen Channel regelmäßig besuchen, wird eine echte virtuelle Gemeinschaft im Sinne Rheingolds. Dort kümmern sich Menschen wirklich umeinander. Das geht sogar so weit, dass in MUDs mit virtuellen Gedenkstätten real verstorbener User gedacht wird. Virtuelle Grabstätten werden von anderen Spielern über Jahre liebevoll gepflegt. In IRC-Channeln lösen solche Ereignisse regelmäßig große Betroffenheit aus, und man erinnert sich in Gesprächen gemeinsam an den Verstorbenen – während sich in Social-Media-Profilen zu solchen Anlässen allenfalls eine Reihe zusammenhangloser Kommentare ansammeln. Eine Unterhaltung, ein gemeinsames Trauern, ein gegenseitiges sich Kümmern findet dort in der Regel nicht in dem Sinne statt, wie man es aus echten virtuellen Gemeinschaften kennt.

Woran liegt das nun, dass Social Media nicht so sozial ist, wie es auf den ersten Blick den Anschein hat? Nun, ein paar Gründe habe ich schon genannt. Einerseits geht es bei Social Media oftmals primär um das Teilen von und Aufmerksammachen auf eigene Inhalte und nicht um soziale Interaktionen selbst wie gemeinsame Gespräche oder gemeinsames Spielen wie im IRC oder in MUDs.

Ein weiterer Grund dürften die teilweise sehr künstlichen Interaktionsformen in Social Media sein. Ein „Gefällt mir“- oder „+1“-Klick ist keine natürliche Interaktion und führt zu keiner weiteren Kommunikation.

Last but not least ist natürlich auch die Größe eines Netzwerks ausschlaggebend. Ein Netzwerk mit einer Milliarde Mitgliedern ist schon von Haus aus weniger sozial als ein kleiner IRC-Channel mit 20 Regulars. Denn auch in Social Media ist es durchaus so, dass dort eher virtuelle Gemeinschaften entstehen, wenn es kleinzelliger wird. In Facebook-Gruppen mit einer überschaubaren Anzahl von Mitgliedern beispielsweise wird mehr auf den Einzelnen und sein Anliegen eingegangen.

Und natürlich muss man fairerweise auch sagen, dass es auch darauf ankommt, was die User daraus machen. Wenn beispielsweise der Betreiber einer Facebook-Seite auf Kommentare zu seinen Inhalten direkt eingeht, kann auch hier eine soziale Interaktion entstehen. Diese hat aber immer noch nicht dieselbe Intensität wie bei Diensten, bei denen es nicht um das Teilen und Präsentieren eigener Inhalte geht, sondern deren ureigenster Sinn und Zweck die Kommunikation ist.

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