Dieser Artikel erschien ursprünglich am 14. 3. 2013 in meinem privaten Blog.

Google hat bekannt gegeben, seinen RSS-Reader zum 1. Juli abzuschalten. Die Aufregung im Netz ist nun groß, weil viele User ihren Workflow bezüglich RSS auf diesem Tool aufgebaut haben. Sogar eine Petition mit mittlerweile fast 80.000 Unterzeichnern wurde eingereicht, um Google zur Rücknahme der Entscheidung zu bewegen.

Ich gebe offen zu, ich habe für die ganze Aufregung überhaupt kein Verständnis. Die User sind doch selbst schuld, dass ihnen das jetzt auf die Füße fällt. Wer sich bei für ihn – insbesondere im beruflichen Kontext – relevanten und (unternehmens)kritischen Aufgaben auf kostenlose Dienste eines Drittanbieters verlässt und erwartet, dass der Drittanbieter diese Dienste ewig anzubieten hat, dem ist nicht mehr zu helfen.

Aber genau diese Einstellung scheint in weiten Teilen des Netzes vorzuherrschen. Man begibt sich gern und oft aus Gründen des „Komforts“ leichtfertig in Abhängigkeit von Drittanbietern, vor allem dann, wenn sie ihre Dienste kostenlos anbieten. Dass dieser Komfort – ich nenne es auch Faulheit – unter Umständen teurer bezahlt werden muss, als einem lieb sein kann, ist offenbar den wenigsten klar. Sei es, dass Dienste willkürlich abgeschaltet oder Accounts ohne Begründung gesperrt werden, wie es bei Google schon oft der Fall war. Besonders problematisch wird das, wenn man verschiedene Dienste eines Drittanbieters unter einem Account nutzt. Wenn dann dieser eine Account gesperrt wurde oder der Account oder gar der ganze Dienst wegen eines Angriffs komplett ausfällt oder gar geschlossen wird, ist auch der Zugriff auf alle Daten weg. Hat man in diesem Falle keine Backups, steht man schnell vor dem digitalen Nichts. Nicht nur, dass man keinen Zugriff mehr auf vielleicht beruflich wichtige Daten und Dokumente hat. Auch wertvolle persönliche Erinnerungen können verloren gehen, wenn das eigene Blog dicht gemacht wird oder der zentrale Fotodienst auf einmal den Zugriff verweigert.

Ohne Frage, diese Probleme stellen sich beim Google Reader nicht, weil es eine lange Vorlaufzeit gibt. Dennoch sollte sich jeder davon Betroffene fragen, ob, anstatt sich zu empören, nicht ein radikales Umdenken dahingehend angesagt ist, wie wir unser digitales Leben organisieren. Jeder sollte sich fragen, ob er wirklich den Preis der totalen Abhängigkeit von Drittanbietern für ein bisschen mehr Komfort zahlen oder ob er nicht vielleicht mit etwas mehr Aufwand Lösungen finden möchte, die er selbst unter Kontrolle hat. Das können Desktop-, mobile oder selbstgehostete Webanwendungen sein. Seien wir ehrlich: Oft benötigen wir viele der tollen Features, die uns Drittanbieter ohne Frage oft bieten, gar nicht und kämen mit viel weniger aus.

Die Abschaltung des Google Readers wäre der richtige Anlass, um einmal über diese Dinge nachzudenken und vielleicht sogar einen Paradigmenwechsel bezüglich der Organisation digitalen Lebens einzuläuten, die allen Usern vielleicht etwas weniger Komfort, dafür aber wesentlich mehr Sicherheit und Zuverlässigkeit bei eben dieser Organisation geben würde. Aber offensichtlich ist das nicht gewollt. Schade drum. Hier wird gerade eine große Chance verpasst.

Update: t3n listet nun auch einige Dienste zum Selberhosten auf. Dort finden sich einige gute Anregungen.

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