Netzneutralität selber machen

erstellt am: 14.06.2015 von Alex | Kategorie(n): Netzneutralität | Schlagwörter: , , ,

Dieser Artikel wurde ursprünglich am 4. 4. 2014 in meinem privaten Blog veröffentlicht und bezieht sich auf eine damalige Entscheidung des EU-Parlaments.

Gestern hat das EU-Parlament glücklicherweise in weiten Teilen den Fortbestand der Netzneutralität gesichert. Nun kommt dennoch Kritik an dem Entwurf auf. So kritisiert die Digitale Gesellschaft, dass der Entwurf „es ermöglicht, beliebte Online-Dienste wie etwa Plattformen für Video- und Musikstreaming aus dem offenen Internet auszugliedern und auf kostenpflichtige Spezialdienste auszulagern.“.

Das könnte beispielsweise den beliebten Videodienst Youtube betreffen. Für unzählige Webseitenbetreiber, die die Videos, mit der sie ihre Websites aufwerten, auf Youtube ausgelagert haben, weil für sie alleine der Traffic, den die Videos bei vielen Besuchern erzeugen, nicht finanzierbar wäre, wäre das eine Katastrophe. Wenn ihre Videos nicht mehr für alle Besucher verfügbar wären, sondern nur noch für Besucher, die für Youtube als Spezialdienst zahlen, ginge sehr viel Reichweite verloren. Ohne Frage, das wäre eine enorme Benachteiligung dieser Angebote.

Auf den ersten Blick iegt das Problem also an kommerziellen Diensten, die die Möglichkeit bekommen, ihr Angebot in einen Spezialdienst auszulagern, der nicht allen zur Verfügung steht. Aber ist das wirklich so? Ich meine nein. Das Problem ist seit Jahren hausgemacht und liegt darin, dass sich die Netzgemeinde blind auf kostenlose Angebote von monopolistischen Drittanbietern mit kommerziellen Absichten verlässt, ohne über Alternativen nachzudenken. Die Vorstellung und der Anspruch, dass deren Angebote auf ewig kostenlos und gleichzeitig frei und offen verfügbar sein müssten, ist, denkt man einmal genauer darüber nach, völlig absurd und heillos naiv. Dass bei einem kommerziellen Dienst immer die Gefahr besteht, dass er sein Geschäftsmodell zugunsten des Umsatzes und zuungunsten der Freiheit seiner User ändert, ist völlig normal und kann dem Dienst an sich auch nicht vorgeworfen werden. Man könnte die implizite Anspruchshaltung, dass das nicht passiert, auch als den Geburtsfehler des Web 2.0, des Web des User-generated Content, bezeichnen. Denn auf dieser Anspruchshaltung basiert ein nicht unerheblicher Teil des User-generated Content, den wir heute im Web finden.

Aber gibt es überhaupt Alternativen? Ja, die gibt es. Die Netzgemeinde ist aufgefordert, Netzneutralität nicht nur von der Politik einzufordern, sondern auch selber zu machen. Eigentlich wäre sie von Anfang an dazu aufgefordert gewesen, anstatt sich auf große Anbieter mit kommerziellen Absichten zu verlassen, um den oben genannten Geburtsfehler, der ihr jetzt auf die Füße zu fallen droht, erst gar nicht entstehen zu lassen.

Aber es ist nie zu spät. Es kann immer nochgelingen, Netzneutralität selber zu machen, wenn die, die das technische Know-how dafür besitzen, bereit sind, freie, gemeinschaftlich finanzierte, nicht kommerzielle und möglichst auch dezentrale Angebote zu schaffen, die die monopolistischen Drittanbieter ersetzen können. Im Bereich der sozialen Netzwerke gelingt das etwa mit Diaspora und Statusnet bereits, auch wenn die Userzahlen bisher gering sind. Und diese Angebote zeigen auch, dass Menschen bereit sind, sich für ein freies und neutrales Netz zu engagieren.

Nach demselben Prinzip wäre ein Videodienst vorstellbar, bei dem sich viele Menschen zu einer Art Genossenschaft zusammenschließen und einen dezentralen Dienst anbieten, auf den Webseitenbetreiber und alle, die das möchten, ihre Videos auslagern können. Es dürfte klar sein, dass das dann für die Anbieter der Videoinhalte nicht mehr vollständig kostenlos möglich wäre, aber die Kosten dürften sich in Grenzen halten. So wäre zum Beispiel vorstellbar, dass Seitenbetreiber einfach gegen einen kleinen monatlichen Beitrag Mitglied dieser Genossenschaft werden und so das freie Angebot mitfinanzieren. Wenn das viele tun, dürfte sich der Beitrag sehr in Grenzen halten. Auch für Menschen mit geringem Einkommen ließen sich so Lösungen finden, die es ihnen ermöglichen würden, ihre Inhalte frei zur Verfügung zu stellen.

Ohne Frage: An dieser Stelle ist ein Umdenken der Netz-Community gefragt. Und es ist sicher ein gewisser Preis zu zahlen, auch in harter Währung. Aber wenn wir ehrlich sind, handelt es sich an sich nur um den Preis, den wir eigentlich schon seit Jahren hätten zahlen müssen, um Netzneutralität wirklich zu gewährleisten – sprich: selber zu machen. Wir waren naiv, wenn wir glaubten, dass wir uns dabei auf kommerzielle monopolistische Drittanbieter verlassen können. Nun ist die Zeit für uns gekommen, unsere Comfort Zone zu verlassen und die Sache endlich selbst in die Hand zu nehmen. Lasst es uns anpacken und Netzneutralität selber machen! Wer macht mit?

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