Ich werde oft gefragt, was ich mache. Ich antworte dann meistens etwas wie „Ich erstelle Webseiten“. Wie aus der Pistole geschossen bekomme ich dann nicht selten die Antwort „Ach, du bist Webdesigner!“ oder „Ach, du machst Webdesign!“, meist mit einem Strahlen auf dem Gesicht meines Gegenüber, weil er meint, mich verstanden zu haben. Doch dieses Strahlen verschwindet nicht selten ganz schnell wieder, wenn mein Gesprächspartner das gequälte Lächeln auf meinem Gesicht sieht und ich antworte „Nein, ich mache kein Webdesign und ich bezeichne mich bewußt nicht als Webdesigner“. „Warum machst du kein Webdesign? Das Erstellen von Webseiten nennt man doch Webdesign, oder?“ will er jetzt natürlich wissen. Nun, weil Menschen, die mit Computern arbeiten, grundsätzlich faul sind, möchte ich meine Antwort auf dieses „Warum machst du kein Webdesign?“ auf dieser Seite kurz zusammenfassen.
Bevor ich nun auf meine Kritik am „Webdesign“ zu sprechen komme, möchte ich kurz definieren, was ich überhaupt unter „Webdesign“ verstehe.
„Webdesign“ ist einerseits eine Kunstform. Schaut man sich Webseiten, die im Stile des klassischen „Webdesign“ erstellt wurden, an, so stellt man fest, daß diese Seiten nicht selten ein großartiges Gesamtkunstwerk darstellen. Flash-Filme, Animationen, Text, Grafiken und Farbgebung sind wunderbar aufeinander abgestimmt. JavaScripte peppen die Funktionalität der Seiten auf. Die Seiten sehen auf bestimmten Browsern und unterbestimmen Auflösungen fantastisch aus.
Ein weiteres Merkmal von „Webdesign“ ist es, jedes technische Mittel einzusetzen, das zur Verfügung steht. Die Vertreter des „Webdesign“ verstehen es prächtig, ihre Kunden von der Notwendigkeit aller eingesetzten Elemente zu überzeugen. Der Einsatz von Flash etwa gilt beim „Webdesign“ als „modern“. Hört man manchen Vertretern des „Webdesign“ zu, so könnte man auf die Idee kommen zu glauben, daß alle, die auf ihrer Webseite kein Flash einsetzen, komplett hinter dem Mond leben und von „modernem Webdesign“ nicht die geringste Ahnung haben.
Die Vertreter des „Webdesign“ wecken so den Eindruck, daß ihre mit viel künstlerischem Aufwand auf bestimmte Auflösungen und Browser optimierte Webseiten, bei denen jede nur denkbare moderne Technologie eingesetzt wurden, für jeden Kunden unverzichtbar seien. Was sie verschweigen: Ihr „Webdesign“ ist oftmals wenig praxistauglich. Die Gründe sind vielfältig. Und damit möchte ich nun zu meiner Kritik am klassischen „Webdesign“ kommen.
Letztlich lassen sich mindestens sechs Gründe identifizieren, warum klassisches „Webdesign“ kritikwürdig ist. Diese Liste von Kritikpunkten am „Webdesign“ erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, faßt aber die wesentlichen Schwierigkeiten des klassischen „Webdesign“ zusammen.
All diese Punkte lassen „Webdesign“ als Kunstform in der besprochenen Form fragwürdig erscheinen. In jedem Fall wirkt sich diese Kunst zu Ungunsten des Kunden aus, der seine Webseiten vor allem als Information für Kunden oder andere an seinem Projekt Interessierte verstanden haben will. „Webdesign“ in der diskutierten Form mag für einige wenige Kunden – bildende Künstler, Musiker und andere künstlerisch tätige Menschen – eine geeignete Form sein, ihre Webseiten als Gesamtkunstwerk darzustellen. Dafür müssen sie jedoch Nachteile funktioneller Art in Kauf nehmen. Diese Nachteile sind für viele Kunden jedoch nicht tragbar, da sie mit ihren Webseiten Kunden ansprechen möchten. Das bedeutet, daß ihre Webseite möglichst unabhängig von der Technologie des Kunden darstellbar sein muß. Das bedeutet auch, daß diese Webseiten in Suchmaschinen möglichst gut zu finden sein müssen. Und schließlich bedeutet es mitunter, daß auch Randgruppen, z.B. Sehbehinderte und Menschen mit anderen Behinderungen, die Seiten ohne größere Probleme besuchen können müssen. All diese Punkte werden von „Webdesign als Kunstform“, wie es heute betrieben wird, zu wenig berücksichtigt.
Ab und an liest man auch Behauptungen der Art „Webdesigner können keine Webseiten schreiben“. Diese Behauptung halte ich in dieser Pauschalität für nicht richtig. „Webdesigner“ können sehr wohl Webseiten schreiben. Nur haben sie eine Auffassung vom Schreiben von Webseiten, die nicht selten mit den oben genannten Nachteilen verbunden ist. „Webdesign“ in dieser Form schafft ein Gesamtkunstwerk, bei dem jedoch die Funktionalität erst in zweiter Linie von Bedeutung zu sein scheint. Sicherlich gibt es auch „Webdesigner“, die eine Form von „Webdesign“ betreiben, auf die meine Kritik nicht zutrifft. Aber diese heben sich doch von der Masse ab. In der Regel wird „Webdesign“ im oben genannten Sinne verstanden, auf eine Art und Weise, die zumindest ich nicht für richtig halte. Deswegen sage ich nicht, daß ich „Webdesign“ betreibe und bezeichne mich auch nicht als „Webdesigner“.
„Webdesign“ in der oben kritisierten Form ist jedoch nicht in allen Fällen verfehlt. Es gibt Webseiten, bei denen klassisches „Webdesign“ erst die Atmosphäre der Seite schafft. Ein Beispiel ist die Webseite der Berliner Erlebniskneipe Klo. Diese Seite ist vollgestopft mit Flashanimationen und JavaScripten. Doch in diesem Fall paßt dies zum Selbstverständnis der Lokalität. Allein die Optimierung für einen Browser, den Internet Explorer, könnte man kritisieren. Bei dieser Webseite steht der „Spaß-Faktor“ im Vordergrund und nicht die Benutzerfreundlichkeit.
Ein anderes Beispiel, bei dem „Webdesign als Kunstform“ Sinn macht, sind Webseiten, die als Kunstwerk konzipiert sind oder Kunst präsentieren, die sich der Methoden des klassischen „Webdesign“ bedient.
Es gibt also durchaus Fälle, in denen „Webdesign“ ein adäquates Mittel zur Gestaltung einer Webseite ist.
Die obigen Ausführungen machen jedoch deutlich, daß es viele Fälle gibt, in denen „Webdesign“ im diskutierten Sinne zumindest Probleme bereitet. Für diese Fälle empfiehlt sich daher ein kompletter Verzicht auf „Webdesign“:
Was ist also zu tun? Meiner Ansicht nach ist sowohl bei den professionellen Vertretern des „Webdesign“ wie auch bei deren Kunden ein Umdenken notwendig. Man kann in vielen Fällen auch ohne den Einsatz der genannten problematischen Elemente – oder mit maßvollem Einsatz derselben – ansprechende Webseiten schreiben. Auch ohne oder nur mit wenig Flash und JavaScript ist es möglich, eine Webseite kreativ zu gestalten und gleichzeitig dafür zu sorgen, daß diese Seite möglichst vielen Menschen und Suchmaschinen zugänglich ist. Gegen „Webdesign“ als Kunstform ist an sich gar nichts zu sagen, solange diese Kunst nicht um ihrer selbst Willen, quasi „l'art pour l'art“, existiert.
„Aber beim Webdesign muß man doch mit der Zeit gehen! Man darf doch neue Technologien nicht völlig ignorieren!“ wird jetzt mancher sagen. Das ist auch durchaus richtig. Alle genannten Technologien – bis auf Frames und ActiveX, die beide unnötig bzw. im Falle von ActiveX auch noch gefährlich für den Anwender sein können – haben ihre sinnvollen Anwendungsgebiete. Mit Grafiken können Sachverhalte in vielen Fällen besser verdeutlicht werden als mit Worten. Flash-Anwendungen sind z.B. im Bereich e-Learning unverzichtbar, wenn es darum geht, den Lernenden mit der Anwendung interagieren zu lassen. Auch für JavaScripte gibt es durchaus sinnvolle Einsatzmöglichkeiten. Der springende Punkt ist nicht, daß beim „Webdesign“ völlig auf auf diese Technologien verzichtet werden sollte. Vielmehr sollte „Webdesign“ den maßvollen und zweckgebundenen Einsatz der genannten Technologien zum Ziel haben. In vielen Fällen kann beim „Webdesign“ völlig auf den Einsatz der genannten Technologien verzichtet werden. So ist die Sinnhaftigkeit der äußerst häufig zu findenden Flashfilme zu Beginn von Firmen-Webseiten in meinen Augen äußerst fragwürdig. Sie sind zwar künstlerisch meist durchaus von gewissem Wert, erfüllen aber keine wirkliche Funktion und ziehen zuviel Aufmerksamkeit auf sich, ohne wesentliche Informationen zu liefern. Würde bei diesen Webseiten auf derartige Filme verzichtet und stattdessen mehr Wert auf Inhalte gelegt werden, wären viele Firmen-Präsenzen im Web wesentlich überzeugender. Auf der anderen Seite funktioniert ein Flash-Spiel nunmal nur mit Flash. Wer so etwas im Web zur Verfügung stellen möchte, setzt diese Technologie sinnvoll ein. Ähnlich ist es mit bestimmten JavaScript-Anwendungen, die mit anderen Technologien wie serverseitigen Script-Sprachen nicht zu realisieren sind. Es gibt zwar nur wenige Anwendungsbeispiele, auf die das zutrifft, aber in diesen Fällen ist der Einsatz von JavaScript als durchaus sinnvoll zu erachten.
Im Folgenden möchte ich fünf Anforderungen darlegen, die „Webdesign“ auf jeden Fall erfüllen muß, damit es nicht mehr nur als sinnfreie Kunstform gilt.
Wenn „Webdesign“ also wieder so verstanden wird, daß die zur Verfügung stehenden Mittel dazu verwendet werden, benutzerfreundliche, suchmaschinentaugliche und gleichzeitig ästhetische Webseiten zu erstellen, könnte ich mich dazu hinreißen lassen, nicht mehr das Gesicht zu verziehen, wenn man mir wieder einmal sagt, ich würde „Webdesign“ machen oder wäre „Webdesigner“. Wie ich meine Arbeit verstehe, können Sie auch in dem Artikel über „gute Webseiten“ nachlesen.
last modified: 12/21/2007 by DeinWeb